Pressemeldung zur Informationsveranstaltung Palling: Experten informierten beim Bürgerdialog zur Geothermie über Vor- und Nachteile

  • 24 Feb 2020
  • by vh
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Vor dem Hintergrund der Klimaschutzdebatte wird der Nutzung von heißem Thermalwasser aus der Tiefe für die CO2-neutrale Wärme- und Stromerzeugung große Bedeutung beigemessen. Nach Ansicht von Experten bietet gerade die Bodengeologie im Landkreis Traunstein „optimale Voraussetzungen“ für die Nutzung der grundlastfähigen hydrothermalen Geothermie. Im Rahmen eines offenen Bürgerdialogs diskutierten jetzt bei einer Veranstaltung der Energieagentur Südostbayern in Palling namhafte Experten über die Vor- und Nachteile einer Nutzung.

Aktuell gibt es Überlegungen bzw. Planungen für Geothermieanlagen in Nußdorf/Litzlwalchen, Taching/Tengling, Kirchanschöring, Garching an der Alz und Palling. Bereits in Betrieb sind Standorte in Traunreut und Kirchweidach. Als Warner vor Fehlinvestitionen macht dagegen die Bürgerinitiative BIENE gegen aktuelle Vorhaben mobil. „Deshalb ist es uns ein Anliegen, den Bürgern die Möglichkeit zur Information aus erster Hand durch neutrale Experten zu ermöglichen“, erklärte Dr. Willie Stiehler, Geschäftsführer der Energieagentur, in seiner Einleitung.

Dr. Birgit Seeholzer, Geschäftsführerin der Wirtschaftsförderungs GmbH, hob das „große Ausbaupotential“ der Geothermie durch die Kombination von Strom- und Wärmeerzeugung hervor.  Dies gelte besonders mit Blick auf die bis 2025 angepeilte, komplette Erzeugung des landkreiseigenen Strombedarfs inklusive Industrie aus erneuerbaren Energien. Dazu komme die Unabhängigkeit von Energieimporten aus dem Ausland und die regionale Wertschöpfung.

Den Stand der Forschung und Technik bei der Erschließung von Thermalwasservorkommen beleuchtete der Geologe Prof. Dr. Michael Drews von der Technischen Universität München. Anhand von Grafiken über Untergrundaufbau, Prüfverfahren und Bohrlochsicherheit widerlegte er ausführlich Befürchtungen über den Austritt von Thermalwasser in Grundwasserschichten, Rissbildungen im Gestein durch zu hohe Drücke des Injektionswassers oder fühlbare Mikroerdbeben im Umfeld von Geothermieanlagen.

Auf die Umweltauswirkungen und möglichen Kosteneinsparungen durch Geothermie ging Dr. Andreas Bertram vom Umweltbundesamt in Berlin facettenreich ein.  Andreas Lederle von der Erdwärme Grünwald zeigte auf, wie sich durch einen Strom- und Fernwärmeverbund mit dem Geothermiewerk in Unterhaching standortübergreifende Synergieeffekte für mehr als 20.000 Bürger nutzen lassen. Neben verbesserter Betriebsauslastung und Wartungsvorteilen würden 41.000 Tonnen CO2 im Jahr eingespart.

In der Diskussion kam die Frage zum Verhältnis der Strom- und Wärmegewinnung in Grünwald auf. Lederle erklärte dazu, die Stromgewinnung über ein ORC-Kraftwerk habe den Grundstein gelegt zum späteren Ausbau des Fernwärmenetzes, das mittlerweile 100 Kilometer umfasse. Der Stromleistung von vier MW steht in Grünwald/Laufzorn  eine Wärmeleistung von 20 MW gegenüber. Dank guter Steuerkraft konnte die Millionen-Investition aus den Kassen der Kommune gestemmt werden. Durch ein flexibles Verbundsystem mit Unterhaching könne die Strom- und Wärmeabgabe bei Lastschwankungen zudem jahreszeitlich und tagesaktuell angepasst werden.

Wer bezahlt die Kosten für das Fernwärmenetz aus Geothermie?, wollte eine Bürgerin aus Fridolfing wissen. Während Andreas Lederle die Kosten „für jede Kommune als leistbar“ ansah, sprach Dr. Andreas Bertram von „Nachbesserungsbedarf“ bei der Förderung vom Fernwärmenetzen im Unterschied zu herkömmlichen Kraftwerken. Über welche Entfernungen macht eine Fernwärmeleitung überhaupt Sinn?, lautete eine weitere Frage. Lederle sah Distanzen zwischen 20 und 50 Kilometer als „gut beherrschbar“ an mit Leitungsverlusten von zwei bis drei Prozent.

Auf die Frage nach der Umweltrelevanz der Abwärme aus den ORC-Kraftwerken zur Stromerzeugung erklärte Lederle, dies entspreche der natürlichen Wärmeabstrahlung der Erde auf einem 14 x 14 Kilometer großen Gebiet.

Eine rege Diskussion entspann sich auch über die Erdbebengefahr durch Geothermiekraftwerke. Prof. Dr. Drews hob hervor, dass „fühlbare Mikroseimizität“ im Umfeld von Geothermieanlagen „nur äußerst vereinzelt“ vorkomme, da gerade in Südbayern sehr stabile Bodenverhältnisse herrschen.

Die Gefahr von Bohrungen im Trinkwassergebiet sprach Grünen-Kreisrat Willi Geistanger an. Prof. Dr. Michael Drews erklärte dazu, Geothermiebohrungen und Brunnen seien „durch speziell abgedichtete Rohre gesichert“. Eine Vermischung von Thermal- und Grundwasser sei aufgrund des zu geringen Drucks des gut 3.000 Meter unter dem Grundwasser liegenden Thermalwassers nicht möglich.

Der Fernwärmepreis und die Möglichkeit für Gewerbesteuereinnahmen interessierten Gemeinderat Peter Seehuber aus Taching am See. Andreas Lederle berichtete von einem durchschnittlichen Wärmepreis zwischen 80 und 90 Euro je MWh in Grünwald. Dies hänge aber von den Investitionen vor Ort ab.

Im Schlussplädoyer sprachen sich die Experten dafür aus, die aktuell günstige Chance für eine auf Generationen hin angelegte Energieversorgung durch Geothermie zu nutzen. Auch im ländlichen Bereich würden sich nach der Erschließung der Stromgewinnung als ersten Schritt Wege für neue Fernwärmenetze finden.